Für das Buch "Mission Zukunft", herausgegeben von Michael Diener und Ulrich Eggers, schrieben verschiedene Autoren über die Bedeutung von Mission in unserer Zeit.
So schrieb auch Thies Gundlach darin einen Beitrag. Gundlach war in der Zeit von Dezember 2010 bis Oktober 2021 der Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sozusagen ein "Cheftheologe" der EKD.
Ich zitiere (in Auszügen), was er unter Mission versteht. Und dann vergleichen wir das mit dem, was Jesus unter Mission versteht:
"Mission sollte einen bestimmten Stil, eine bestimmte Atmosphäre nicht verlassen. Diese deute ich an mit dem schönen alten Wort "Anmut". Über Anmut ist im Duden folgendes zu finden. Das seit dem 15 Jahrhundert bezeugte Adjektiv anmutig bedeutete zunächst "verlangen", "Lust weckend". Aus diesem Wortgebrauch entwickelte sich die heute übliche Bedeutung "gefällig", "liebreizend". Daher kann man formulieren, Mission ohne Anmut ist lieblos. Denn welche Farbe hat gute missionarische Spiritualität? Mit welchen anmutigen Mitteln imponiert der Glaube im Herzen anderer? Die Atmosphäre des Einladenden, die sucht und liebt den anderen und will ihm deswegen die schönste Seite zeigen. Sie versucht nicht, den anderen anzugehen, aufzurufen, anzusprechen oder aufzurütteln. Anmutige Mission präsentiert sich auf verlockende, gefällige Weise, so dass Neugier und Nachfrage sich küssen können. Sie steigt dem Menschen nicht nach wie ein Lüstling, um ihm seine Sünden aufzuzeigen. Sie bietet sich selbst und ihre Wahrheit nicht jederzeit jedem an. Sie ist fein gekleidet und schön anzusehen. Sie macht sich attraktiv für den anderen. Wir brauchen einen guten Geist in jeder missionarischen Anstrengung. Aber gerade in einer Zeit, in der die Kirchen ernsthaft Sorge haben müssen, dass die Basis für die bisherige Kirchenstruktur wegbricht(!!), dürfen wir nicht werben, wie ein verzweifelter Liebhaber. Wir sollen ein anmutiges Glaubensbewußtsein haben. Denn neue Freundinnen und Freunde Gottes werden zu Gott finden, wenn sie Sinn und Geschmack fürs Unendliche bekommen. " (Zitat Ende)
Das hört sich geschmeidig an, fromm und irgendwie richtig, oder? Aber ist das auch biblisch? Ist das die Weise, wie der Herr Jesus Mission verstanden und betrieben hat? Nein, ist es nicht. Es sind "süße Worte, die die Herzen der Arglosen verführen" (Römer 16,18)!
Als gute "Beröer" sind wir nicht arglos, denn wir überprüfen die Meinung des Herrn Gundlach über Mission sehr genau mit der Bibel. Und da finden wir in Markus 8, wie der Herr Jesus selbst eine Missionsveranstaltung einberuft, und welche Worte er dort benutzt:
"Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern (Mission!) und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten. Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln." (Markus 8,34-38)
Was halten wir davon? Ist das nicht ein total anderer Ton, als der des Cheftheologen der EKD?
Wenn es nach Herrn Gundlach ginge, wäre Jesus mit dieser Einladung glatt durchgefallen! Jesus beschreibt das genaue Gegenteil von "Anmut". Wir finden bei Ihm einen tiefen Ernst! Eine aufrüttelnde Mahnung!
Die Vorschläge von Herrn Gundlach zeigen, dass er ganz offensichtlich nicht begriffen hat, in welch existenzieller Situation sich die Eingeladenen der Mission befinden. Wenn jemand auf der Titanic untergeht, dann beschwert er sich nicht, wenn die Retter nicht anmutig gewesen sind.
Der dringliche, absichtsvolle, aufrüttelnde Ton des Herrn Jesus ist übrigens für Jesus keine Ausnahme! Dieser Ton bestimmt die Ureinladung in die Nachfolge! Sie klingt in ganz vielen anderen Einladungen, die Jesus ausgesprochen hat, immer wieder durch. Das war nicht anmutig!
Beispiele, die den Ton dieser Worte Jesu unterstreichen: Lukas 12,51; Lukas 13,24; Lukas 14,26.
Jesus hat auch nicht neue "Freundinnen und Freunde Gottes" geworben, sondern verlorene Sünder zur Rettung gerufen. Dabei hat er den Ausstieg aus ihrem bisherigen Leben gefordert. Er hat nicht vorsichtig charmant eine möglicherweise interessante neue Perspektive offeriert. Er hat die Kosten der Nachfolge immer klar auf den Tisch gelegt und den Leuten gesagt, auf was sie sich einlassen. Nachfolge kostet!
Jesus sagt nicht, wenn du zu mir kommst, dann bekommst du "einen Geschmack für das Unendliche". Ganz im Gegenteil ist die Einladung Jesu eine rote Karte für alle Versuche, die Menschen für das Evangelium zu umgarnen oder sie irgendwie mit der Aussicht zu ködern, dass ihr Leben ein bisschen schmackhafter, lockerer, erfüllter und ein bisschen leichter würde.
Nein! Es ist eine Herausforderung, in seinen Dienst zu treten. Und eine Ehre!
Und es geht dabei um Ewigkeitshoffnung statt Diesseitsverhaftung. Man kann auch sagen: Seelen retten statt Welt gewinnen.
Jesus stellt die Werte des Nachfolgers und des Nicht-Nachfolgers gegenüber. Der Nicht-Nachfolger will die Welt gewinnen. Er richtet seinen Fokus auf das Diesseits. Der Nachfolger aber erkennt den Unwert darin, die Welt zu gewinnen, und dabei die Seele zu verlieren. Eine Kirche, die den Fokus auf die Rettung, oder auch nur auf die Verbesserung der Welt hin verschoben hat, verliert ihr inneres Leben. Und eine Kirche, die sich schämt, die klaren Worte Jesu klar auszusprechen (weil das ja nicht anmutig ist), die verliert ihre Vollmacht, und damit ihre Relevanz. Darum "bricht die Basis für die bisherige Kirchenstruktur weg". Das die wegbricht, hat Herr Gundlach immerhin richtig erkannt.
Gott schenke uns Evangelischen den Geist der Buße, dass wir zur mutigen Klarheit der Worte Gottes zurückfinden.
(frei nach meinen Notizen bei einer Predigt von Pfarrer Dr. Wolfgang Nestvogel; Quelle: https://predigten.beg-hannover.de/media/2019-01-20_markus_8_34-38_w_nestvogel.mp3