Die Gemeinde wurde heute beim Beten eines Psalmes dazu aufgerufen, an der Stelle, wo das Wort "fürchten" vorkommt besser "ehren" zu sagen.
Kann man das so machen? Ist diese Veränderung des Psalmtextes und Akzentverschiebung unseres Gebets eine Kleinigkeit?
Nein! Das ist sie nicht! Denn diese Kleinigkeit führt letztlich zu einem falschen Gottesbild. Auch Kleinigkeiten können auf Dauer großen Schaden anrichten.
"Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, welche die Weinberge verderben." (Hoheslied 2,15)
Lassen Sie mich diesen kleinen Fuchs mal einfangen. Der hat sich durchaus nicht zufällig zu uns verirrt, um Löcher in unser biblisches Gottesbild zu graben. Der heutige Verkündiger hat den schon einmal auf die Gemeinde losgelassen. Das war bei einem Gottesdienst, der einige Zeit zurückliegt. Da wurde Psalm 103 gebetet, und er hatte dazu aufgerufen, das Wort "fürchten" jedesmal durch "ehren" zu ersetzen.
Ist ihm nicht klar, dass er sich damit im Widerspruch zum Herrn Jesus Christus befindet, der gesagt hat:
"Ich sage aber euch, meinen Freunden: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und danach nichts weiter tun können. Ich will euch aber zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet den, der, nachdem er getötet hat, auch Macht hat, in die Hölle zu werfen; ja, ich sage euch, den fürchtet!“ Lukas 12,4-5
Das sagte er nicht den Gottesverächtern, die allen Grund hätten, Gott zu fürchten. Das sagte er seinen Freunden! Und er bekräftigte es sogar am Schluß: "ja, ich sage euch, den fürchtet!"
Schon im Alten Testament verbindet sich die Ehrfurcht vor Gott mit der Freundschaft mit Gott!
"Freundschaft hält der HERR mit denen, die ihn fürchten." (Psalm 25,14 nach der Menge-Übersetzung)
Diese doppelte Aufforderung des Herrn Jesus an seine Freunde, dass sie Gott zu fürchten haben, klingt nicht nach einer Bitte! Das ist ein Befehl!
Wie können wir im Wissen um diese ernsten Worte des Herrn es wagen, Psalmtexte zu ändern, die explizit vom "fürchten" reden?
Die Bibel unterscheidet sehr fein und sehr genau die beiden Begriffe "ehren" (hebr.: "kāvēd" oder "kabad") und "fürchten" (hebr.: "yare"). Beide Begriffe haben in unserer Beziehung zu Gott ihren Platz und ihre Berechtigung, und stehen für unterschiedliche, aber sich ergänzende Weisen des Umgangs mit ihm.
Das hebräische Verb yare (fürchten) bedeutet wörtlich „sich fürchten“ oder „Ehrfurcht haben“. Es beschreibt keine angstvolle Scheu, sondern eine respektvolle, ehrfürchtige Haltung gegenüber Gott, im Wissen um seine Heiligkeit, Macht und Größe. Das ist mehr als "nur" ehren. In der Bibel ist die Gottesfurcht der Anfang aller Weisheit:
„Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis.“ (Sprüche 1,7)
„Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Weisheit; klug sind alle, die danach tun.“ (Psalm 111,10a)
Wenn wir sie abschaffen wollen, machen wir uns zu Narren.
Das hebräische Verb kāvēd (ehren) bedeutet ursprünglich „schwer sein“ oder „Gewicht haben“ und wurde im übertragenen Sinn zu einem Begriff für Ehre, Bedeutung und Wertschätzung. Jemanden zu ehren heißt also, ihm Gewicht beizumessen, ihn hochzuschätzen und würdevoll zu behandeln.
Es taucht im vierten Gebot auf, wo es um die Ehre für Vater und Mutter geht: „Ehre deinen Vater und deine Mutter.“ (2. Mose 20,12)
Hier wird uns der Unterschied zwischen "ehren" und "fürchten" wohl einleuchten. Die Eltern zu fürchten, das passt sicher nicht, sie zu ehren sehr wohl.
Genauso passt es nicht, wenn wir Gott "nur" ehren, ohne ihn zu fürchten! Er ist der Heilige, der Unermässliche, der unfassbar Mächtige. Würde er sich aus seiner Verborgenheit plötzlich vor unsere Augen stellen, dann würden wir spüren, was Todesangst ist. "Denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ (2.Mose 33,20) Und als der Prophet Jesaja nur den Saum seines Gewandes durch einen dichten Rauch hindurch sah, da schrie er: "Weh mir! Ich vergehe! ... denn meine Augen haben den König, den HERRN Zebaoth, gesehen." (Jesaja 6,5)
Wie groß könnte dann aber unser Jubel sein, wenn wir wieder zu dieser tiefen Gottesfurcht zurückgefunden hätten, in dem Wissen, dass wir zu diesem furchterregenden Gott VATER sagen dürfen! Halleluja! Aber wenn wir die Furcht vor Gott eliminieren, bleibt unser Glaube schwach und ohne Gewicht.
Ja, wir sollen ihn durchaus ehren! „Wer mich ehrt, den will ich ehren“ (1. Samuel 2,30), sagt Gott. Aber Gott zu ehren, ohne ihn zu fürchten, zieht ihn auf die menschliche Ebene herab, sozusagen auf die Ebene unserer Eltern, die wir (hoffentlich) ehren und nicht fürchten müssen.
Echte Gottesverehrung besteht also sowohl in der tiefen Ehrfurcht vor seiner Heiligkeit als auch im Ehren seiner göttlichen Würde.
Das Streichen des Fürchtens zeugt von einem falschen, verharmlosenden Gottesbild. Und wenn ein Verkündiger dazu regelmäßig auffordert, ist er dafür verantwortlich, ein falsches Gottesbild bei seinen Zuhörern zu fördern!
Prediger 12,13 betont, dass die Furcht Gottes die Summe aller Lehre ist!
"Lasst uns die Summe aller Lehre hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das macht den ganzen Menschen aus!"
Gott zu fürchten und seine Gebote zu halten bedeutet übrigens auch, dass wir uns hüten sollten, das Wort Gottes zu verändern, indem wir Wörter streichen oder hinzufügen. Das gilt jedenfalls für den inspirierten hebräischen, aramäischen und griechischen Grundtext. Wer es wagt, im Grundtext herumzumanipulieren, dem droht der heilige Gott, den wir auch nach Meinung unseres Reformators "über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen" sollen (Martin Luther, Kl. Katechismus, 1. Gebot) strenge Strafen an.
"Tu nichts zu seinen Worten hinzu, damit er dich nicht zurechtweist und du als Lügner dastehst." (Spr. 30,5-6)
"Ich bezeuge allen, die die Worte der Weissagung in diesem Buch hören: Wenn jemand etwas zu diesen Dingen hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch geschrieben stehen. Und wenn jemand etwas wegnimmt von den Worten des Buches dieser Weissagung, so wird Gott ihm seinen Anteil wegnehmen am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben steht.“ (Off. 22,18-19)