Habt doch keine Angst, über Sünde zu reden!

Sonntag, 31. August 2025.
Heute war "Durst-nach-Leben"-Gottesdienst. Dieses Format gibt es schon viele Jahre.
"Durst-nach-Leben"-Gottesdienste sind beliebt. Ich mag sie auch. Die Kirche ist dann meist voller als sonst, und man kann als Besucher aktiver sein, als das in "normalen" Gottesdiensten möglich ist. Statt einer Predigt gibt es eine Kurzansprache. Danach teilt sich die Gottesdienstversammlung in verschiedene Gruppen auf. Die einen singen, die anderen machen was Kreatives. Wieder andere versammeln sich draußen zu einem meditativen Spaziergang oder sitzen gemeinsam in einem gemütlichen Raum und sprechen über einen Bibeltext. Am Schluß kommen alle wieder zusammen und beenden den Gottesdienst in großer Runde mit Lied und Segen. Achja, meist gibt es auch danach noch ein leckeres Mittagessen. Also alles in allem eine runde Sache!

Dass es bei "Durst-nach-Leben" nur eine Kurzansprache gibt, ist völlig ok und lässt mehr Zeit für die Gruppenarbeit! Aber bei einer Sache sollten wir nie Zeit sparen! Beim Lesen des Bibeltextes, der das Thema der Kurzansprache, bzw. des Gottesdienstes ist! Das gebietet nicht nur der Respekt vor dem Wort Gottes, sondern dient auch dem besseren Verständnis für die Kurzansprache.

Heute ging es um "die Frau am Brunnen" (Johannes 4). Und weil die Bibelstelle nicht vorgelesen wurde, mag bei dem einen oder anderen die Frage offen geblieben sein, was denn der "casus knacktus", also der Kern der Geschichte war. In einem Anspiel, dass die biblische Geschichte nacherzählte, erfuhren wir zwar, dass es eine Frau gab, die an einem Brunnen auf Jesus traf. Aber was die Frau so sehr erstaunte, dass sie zu ihren Nachbarn rannte und die alle aus ihren Häusern rief, damit sie zu dem "Mann am Brunnen" kommen sollten, das erfuhren wir nicht. Dabei ist das der "casus knacktus" der Geschichte - jedenfalls ganz sicher im Leben dieser Frau!

Hier der Bibeltext, der eigentlich hätte vorgelesen werden müssen:

"Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, dass Jesus mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger –, verließ er Judäa und zog wieder nach Galiläa. Er musste aber durch Samarien reisen. Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben hatte. Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich an den Brunnen; es war um die sechste Stunde.
Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Speise zu kaufen. Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du, ein Jude, erbittest etwas zu trinken von mir, einer samaritischen Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser. Spricht zu ihm die Frau: Herr, du hast doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges Wasser? Bist du etwa mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Söhne und sein Vieh. Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.

Und jetzt kommt der Kern der Geschichte, der entscheidende Moment für die Frau!  

Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen! Spricht er zu ihr: Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her! Die Frau antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus spricht zu ihr: Du hast richtig gesagt: »Ich habe keinen Mann.« Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; das hast du recht gesagt. Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist... 

Und hier lenkt sie ab. Sie möchte nicht weiter über ihre Sünde reden!

...Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll. Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden. Aber es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Spricht die Frau zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen. Jesus spricht zu ihr: Ich bin’s, der mit dir redet. Unterdessen kamen seine Jünger, und sie wunderten sich, dass er mit einer Frau redete; doch sagte niemand: Was willst du?, oder: Was redest du mit ihr? Da ließ die Frau ihren Krug stehen und ging hin in die Stadt und spricht zu den Leuten: Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei! Da gingen sie aus der Stadt heraus und kamen zu ihm." (Johannes 4, 1-30)

Ein langer Text. Man hätte ihn ja nicht ganz vorlesen müssen. Aber wenigstens bis zu der Stelle, wo die Frau von Jesus auf ihr Kernproblem, auf ihre Sünde, hingewiesen wurde. Aber genau das wurde im Gottesdienst verschwiegen.

Gleichen wir nicht dieser Frau, die bei diesem Punkt ablenkte auf allgemein religiöse Themen? Wenn wir also nicht über unsere Schuld reden wollen, und uns stattdessen nur das Angenehme des Glaubenslebens herauspicken?

Von der Liebe und der Güte Gottes ist an jedem Sonntag die Rede. Und das ist auch gut! Aber das ist nur die halbe Wahrheit! Wir müssen aber der ganzen Wahrheit ins Auge sehen.

„So sieh nun die Güte UND den Ernst Gottes!" (Römer 11,22)

Warum tun wir uns so schwer damit, über die Sünde zu reden? Wenn wir nicht darüber reden, wo bleibt dann Gottes Gnade? Wird die nicht umso größer, je größer unsere Sünde ist?
Ja! Das wird sie! Das erklärt der Römerbrief: "Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden.“ (Römer 5,20).

Wir müssen keine Angst haben, von Sünde zu reden! Hat denn die Tatsache, dass der Herr die Frau offen und direkt mit ihrer Sünde konfrontierte, bewirkt, dass sie nichts mehr mit dem Glauben zu tun haben wollte?
Nein, ganz im Gegenteil. Sie lief ins Dorf und wurde zur Missionarin für ihre Nachbarn.
Genausowenig brauchen wir heute Angst haben, dass wir die Menschen vom Glauben, von Jesus oder von der Kirche abstoßen, wenn wir (wieder!) über die Sünde reden.

Ich möchte dazu Mut machen! Wir müssen über sie reden! Tun wir das nicht, erkennen wir nicht den "casus knacktus" des Evangeliums.

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