Es waren nicht die Römer, das jüdische Volk oder die ungläubigen Heiden. Bei den Römern lobte Jesus sogar, dass es dort solche gab, die mehr Glauben hatten, als irgendein Israelit (Mt. 8,10). Und das einfache jüdische Volk kritisierte er nicht, sondern suchte dessen Nähe, sodass die Privilegierten die Nase über ihn rümpften (Mt. 11,19).
Selbst die Heidenvölker, die lieber an unzählige Götzen als an den einen wahren Gott glaubten, kritisierte er nicht. Im Gegenteil. Über sie heißt es: "„Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen. Ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, damit du mein Heil seiest bis an die Enden der Erde.“ (Jesaja 49,6)
Die Gruppe von Menschen, die der Herr Jesus Christus am heftigsten kritisierte, waren die geistlichen Leiter!
Das waren damals vorwiegend die Pharisäer, aber auch die Sadduzäer und Ältesten (Adeligen). Es waren Leute, die sich in der Bibel auskannten, die theologisch geschult waren und dem Volk eigentlich als gute Vorbilder und Lehrer hätten dienen sollen.
Die Bibel räumt der Kritik an diesen Leuten sogar ein eigenes Kapitel ein: Matthäus 23! Darin wird die Kritik begründet und die Kritisierten als Blinde und Heuchler bezeichnet.
Was Jesus über die damaligen geistlichen Führer sagte, gibt uns deutliche Hinweise darauf, auf was wir bei unseren heutigen geistlichen Leitern und Lehrern achten müssen.
Was war der Grund für diese massive Kritik?
Das Problem war, dass sich die große Mehrheit der Vertreter des offiziellen Glaubens gegen Jesus gestellt hatte! Und zwar ganz eindeutig! Und damit sind sie zu einer Gefahr für eben jene Wahrheit geworden, die sie eigentlich hätten verteidigen und verkündigen müssen! Sie haben genau das, was sie hätten vertreten sollen, ausgehöhlt und hintertrieben! Denn wenn jemand das Alte Testament kannte, dann waren das die Schriftgelehrten. Und wenn jemand exakt hätte erkennen müssen, dass Jesus absolut dem Modell des Messias entsprach und minutiös alle Prophezeiungen des Messias erfüllte, dann die Schriftgelehrten.
Und was haben sie gemacht? Genau das Gegenteil! Ausnahmen bestätigten die Regel, wie Nikodemus (Joh. 3) oder Josef von Arimatia (Mk.15,43).
Aber die Mehrheit der Schriftgelehrten, der "Mainstream", der machte gemeinsame Sache mit dem Sanhedrin (der politischen Führung). Darin saßen die abgezockten Sadduzäer, die damaligen Liberalen, die nicht an die Auferstehung glaubten und Teile der Bibel ablehnten, und die mit den Römern kungelten und mit den weltlichen Adeligen, den sog. "Ältesten". Sie allesamt wollten in ihrer Machtbalance nicht aus der Ruhe gebracht werden.
Das Kennzeichen der Schriftgelehrten (die meisten kamen aus den Reihen der Pharisäer) war ein hoher religiöser Anspruch aber eine völlig andere Wirklichkeit in ihren Herzen und in ihren Taten. Ein hoher Schein, aber die Wirklichkeit sah anders aus.
Das sagte ihnen Jesus auch: "Ihr verrichtet zum Schein lange Gebete." (Mk.12,40).
Heuchelei war ihnen zur zweiten Natur geworden. Sie mussten ja den Schein aufrechterhalten. Sie mussten ja dort noch auftreten in ihrer Amtstracht. Und sie mussten irgendwie noch Gottesdienste halten mit ihrem Bischofskreuz um den Hals. Aber sie waren mit dem Herzen nicht dabei. Sie beteten ihre Rituale herunter aber sie sprachen nicht mehr mit Gott, weil ihr Verhältnis zu ihm kaputt war.
Jesus hat sie in Mt. 23,27-28 als "übertünchte Gräber" bezeichnet. Wer damals nach Jerusalem pilgerte und dort aus versehen auf ein Grab trat, war kultisch unrein und durfte nicht mehr am Passahfest teilnehmen. Darum mussten alle Gräber deutlich erkennbar weiß getüncht sein. Diesen Kontrast zwischen außen und innen bezieht der Herr auf die geistliche Führerschaft. Außen wunderschön frisch und hell gestrichen, aber im Inneren die Totengebeine des Unglaubens, der falschen Lehre, der persönlichen Gier.
Es wäre viel besser, wenn sie ihren Dienst an den Nagel hängen würden, wenn sie ihren Talar ausziehen und mit vernünftiger Arbeit ihr Geld verdienen würden. Aber genau das tun sie nicht. Denn sie wollen ja prägen! Sie wollen sich ja durchsetzen! Sie glauben ja wirklich an ihre Ideologie, die sie an die Stelle des Glaubens gesetzt haben! Sie beanspruchen die Autorität über die religiöse Unterweisung. Sie sitzen auf dem "Stuhl des Mose", wie Jesus in Mt. 23,2, sagte. Heute würden wir sagen: auf dem Stuhl Petri oder Martin Luthers. Sie verstehen sich als legitime Lehrer und Schriftenausleger. Das ist ihr Selbstverständnis. Denn sie wollen den Zeitgeist prägen. Sie wollen die nächste Generation ausrichten, sie kämpfen um das Herz des Volkes. Sie wollen die Diskurshoheit. Und sie wollen Jesu Einfluss ausmerzen - um jeden Preis!
Die Pharisäer nahmen Jesus ernst. Sie hatten verstanden, welche Gefahr ihrem System durch die Predigt von Jesus drohte. Darum wollten sie ihn umbringen. Auch deshalb hassten sie Jesus, weil er mit seiner offenen Kritik ihre gesellschaftliche Stellung angriff, nämlich ihr Prestige, sie seien die Guten, die Richtigen auf die man hören müsse. Und diese Auftritte in der Gesellschaft genossen sie. Sie genossen ihre Ausnahmestellung in der Öffentlichkeit.
Dabei waren sie an ihrem Talar zu erkennen (Mk. 12,38) und ließen sich "auf den Märkten gerne grüßen". Sie ließen sich hofieren, "Jawohl, Herr Rabbi", "Sehr gerne, Herr Pastor", "gehen sie bitte vor, Herr Bischof".
Dabei ist doch der Sinn des Talars jener, den Menschen zu verdecken. Der Talar symbolisiert, dass hier einer drinsteckt, der beauftragt wurde. Der nicht sein eigenes Wort verkündigt, sondern das Wort des Auftraggebers. Der redet nicht in seinem eigenen Namen, sondern muss das weitergeben, was ihm eine höhere Stelle vorgegeben hat! Gott hat dem Talarträger das Wort gegeben und die Gemeinde hat ihn beauftragt, das Wort in Reinheit und ohne Weglassungen oder Veränderungen zu verkündigen. Dabei interessiert nicht seine Privatmeinung, sein Geschmack oder seine politische Ausrichtung. Deshalb tragen ja auch Richter in unserem Land einen Talar, denn sie urteilen nicht im eigenen Namen, sondern (hoffentlich!) im Namen des Volkes. Die geistlichen Talarträger jedoch missbrauchten ihn für ihre ehrsüchtigen Motive, um sich selbst zu produzieren.
Der Talar nimmt also die Person zurück, und die Schriftgelehrten tun genau das Gegenteil. Sie wollen sich herausstreichen mit ihrem Talar, "und nun grüßt mal alle schön". Sie genießen es, bei diversen Empfängen dabei sein zu können, dabei nehmen sie die ersten Plätze ein. Sie waren gefangen in Äußerlichkeiten und ihr Herz war fern von Gott. Aber sie mussten den Schein des Glaubens bewahren. Darum die langen Gebete. Gerne auch vom Zettel abgelesen, denn das spontane, persönliche Sprechen mit Gott aus dem Herzen heraus, das können sie nicht.
Und Jesus sticht mit seiner Kritik in diese Luftblase der Scheinfrömmigkeit hinein. Kein Wunder, dass sie ihn hassen. Paulus schrieb später über diese Menschen: "Sie haben den Schein der Frömmigkeit, aber deren Kraft verleugnen sie. Solche Menschen meide!" (2. Tim 3,5).
Das ist immer wieder das Kennzeichen religiöser Verführer! Sie haben den Schein der Frömmigkeit, sie treten mit salbungsvollen Worten auf, aber sie verleugnen die Kraft Gottes. Denn sonst würden sie ja verkündigen, dass die Kraft Gottes kein Problem damit hat, durch eine Jungfrau als Mensch geboren zu werden, oder über das Wasser zu gehen, oder von den Toten aufzuerstehen, oder das Universum mit einem Machtwort zu erschaffen.
Sie leben nicht aus der Kraft Gottes, auch wenn es äußerlich so erscheint, als täten sie es. Ihre Gewissen sind längst abgestumpft. Sie rechnen nicht mit dem lebendigen Gott und leben nicht bewußt vor ihm.
Von solchen Menschen, so schreibt Paulus, die die Kraft Gottes verleugnen, wende dich ab!
Nun ist es nicht die Aufgabe der Gemeinde, zu richten. Richter ist allein der Herr. Aber es ist unsere Aufgabe zu prüfen! Und zwar um uns selbst vor sie zu schützen und um die Menschen zu schützen, die uns anvertraut sind.
Darum sagt der Herr: "Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die gerne im Talar umhergehen..."
Wir schauen, im Gegensatz zu Jesus, niemandem ins Herz. Der Herr allein wird eines Tages alle Amts- und Funktionsträger, alle, die für sich beanspruchen, im Namen der Kirche zu reden, oder Leute, die in irgendwelchen Positionen über andere Verantwortung ausgeübt haben, gerecht richten. Er hat das letzte Urteil.
Und gerade weil wir niemandem ins Herz schauen können sind wir aufgefordert, uns vor falschen religiösen Funktionären zu hüten und ihre Früchte kritisch zu prüfen, egal ob sie hauptamtlich oder ehrenamtlich unterwegs sind.
Jeder Mensch, aber besonders der religiöse Funktionär, sollte sich hinknien und sich vor dem Herrn Jesus fragen: "Ist mein Herz zu hundert Prozent auf Deiner Seite?"
Dabei kann uns das Gebet Davids helfen:
„Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.“ (Psalm 139,23-24)
Wenn das geschieht, dann hätte die harte Kritik des Herrn Jesus an falsche geistliche Leiter ihr Ziel erreicht!
(dieser Text enthält Zitate aus einer Predigt von Dr. Wolfgang Nestvogel, Quelle: https://predigten.beg-hannover.de/media/2019-09-29_markus_12_35-44_w_nestvogel.mp3)