Was schrieb der Herr Jesus in den Sand?

Das Ereignis, bei dem Jesus mit dem Finger in den Sand schrieb, wird in Johannes 8 berichtet.

"Früh am Morgen kam er (Jesus) wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm; und er setzte sich und lehrte sie. Da brachten die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau zu ihm, die beim Ehebruch ergriffen worden war, stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist während der Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Im Gesetz aber hat uns Mose geboten, dass solche gesteinigt werden sollen. Was sagst nun du? Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, damit sie ihn anklagen könnten. Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde." (Joh. 8,1-6)

Man muss sich das mal vorstellen! Am fröhlichsten jüdischen Feiertag, dem Laubhüttenfest (hebr. Sukkot), ein Fest voller Freude und Jubel, haben die Pharisäer nichts besseres zu tun, als Jesus eine hinterhältige Falle zu stellen.

Hätte er für die Steinigung plädiert, hätte er sich selbst widersprochen. Denn er war gerade wegen seiner Menschenfreundlichkeit und Barmherzigkeit beim Volk bekannt und beliebt. Eine Entscheidung gegen die Steinigung hätte aber den Pharisäern einen Grund gegeben, ihm Gesetzlosigkeit zu unterstellen. Eine clevere und böse Falle war das!

Es ist im Text nicht unbedeutend, dass es heißt: "und er setzte sich". Vor dieser miesen Aktion sehen wir Jesus als den Lehrer, der das Volk lehrte. Nun aber wird er genötigt, sozusagen im Vorgriff auf die ferne Zukunft, zum Richter zu werden, der auf seinem Richterstuhl Platz nimmt, um mit dem Vergehen eines Menschen (Ehebruch) konfrontiert zu werden, dessen Beurteilung aber ihm selbst hier und jetzt den Tod einbringen soll.

Interessanterweise lesen wir zweimal, dass er sich (immer noch sitzend) bückte, und mit dem Finger in den Sand schrieb. Das ist also wichtig. Zu allen Zeiten haben Ausleger versucht, herauszufinden, was er da schrieb. Aber der Heilige Geist, der Inspirator der Bibel, hat uns das nicht mitgeteilt. Also sind wir auf die Beobachtung der Situation und auf das Zeugnis der ganzen Schrift angewiesen. Denn die Bibel legt sich immer mit der Bibel aus.

Wenn wir dieses Prinzip anwenden, könnte es dann sein, dass der Herr in diesem Moment die Namen der boshaften Ankläger in den Sand schrieb? So, wie das ein Richter mit seinem Urteilsdokument macht? Diese Vermutung ergibt sich aus Jeremia 17,13:

"HERR, du Hoffnung Israels! Alle, die dich verlassen, müssen zuschanden werden! Ja, die, welche von mir weichen, werden auf die Erde geschrieben werden; denn sie haben den HERRN verlassen, die Quelle lebendigen Wassers!" (Jer. 17,13)

Wenige Minuten oder Stunden zuvor hatte sich der Herr noch als Quelle des lebendigen Wassers vorgestellt: "Aber am letzten Tage des Festes, der am herrlichsten war, trat Jesus auf, rief und sprach: "Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen." (Joh. 7,37-38)

Jesus nahm hier Bezug auf das Ritual des Wasserschöpfens, dass an jedem Laubhüttenfest stattfand. Ein Priester ging dabei zum Teich Siloah, schöpfte dort Wasser in einen goldenen Krug, ging damit zurück zum Tempel und schüttete das Wasser auf dem Brandopferaltar aus. Während der Herr also diese Worte sprach, liefen die "Vorarbeiten" der Pharisäer für die Fallenstellung. Damit war klar: sie wollten aus der Quelle des lebendigen Wasser nicht trinken. Ja, sie wollten diese Quelle vernichten. Darum wurden sie "zuschanden" und ihre Namen in den Sand geschrieben. Ein wenig Wind reicht, um den Schriftzug im Sand zu verwischen. Es ist ein Bild dafür, dass im Himmel ihre Namen aus dem Buch des Lebens gelöscht wurden (2. Mose 32,33). Wir schrecklich. Dass, was der Herr hier tat, war eine im Vorgriff richterliche und damals prophetische Handlung, in der sich Jeremia 17,13 erfüllte.

Aber wie gesagt, der Heilige Geist teilt uns hier nichts genaueres mit. Vielleicht will er, dass wir unsere Aufmerksamkeit bei der Beobachtung dieser Situation auf etwas ganz anderes lenken sollen! Darauf hatte mich neulich ein lieber Freund hingewiesen:

Viel wichtiger, als zu wissen, was er in den Sand schrieb, ist es zu wissen, warum er das getan hat!

Und er erklärte mir: Er wollte Ruhe in die Situation bringen. Nicht um Zeit zu gewinnen, sondern damit sie merken, dass sie vor dem ewigen Richter über Alles stehen! Jesus lässt sich nicht mitreißen in diesen Tumult von Hass und Zorn.

"Darum, meine geliebten Brüder, sei jeder Mensch schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn; denn der Zorn des Mannes vollbringt nicht Gottes Gerechtigkeit! Darum legt ab allen Schmutz und allen Rest von Bosheit und nehmt mit Sanftmut das [euch] eingepflanzte Wort auf, das die Kraft hat, eure Seelen zu erretten!" (Jak 1,19ff.)

Jesus breitet hier den unsichtbaren Mantel der göttlichen Souveränität über alle Anwesenden aus. Dann sagt er das entscheidende Wort, vergleichbar der Wucht des salomonischen Urteils. Dieses Wort aus seinem Mund trifft ihre Herzen mit voller Wucht.

"Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!" (Joh. 8,7)

"Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und es dringt durch, bis es scheidet sowohl Seele als auch Geist, sowohl Mark als auch Bein, und es ist ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern alles ist enthüllt und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft zu geben haben." (Heb 4,12ff.)

Und

"er hatte in seiner rechten Hand sieben Sterne, und aus seinem Mund ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert hervor; und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne in ihrer Kraft." (Off 1,16)

Nachdem er das gesagt hat, gibt er dem Wort den angemessenen Raum. Wieder bückt er sich und schreibt mit dem Finger in den Sand.

Wir machen leider häufig den Fehler, das wir die Wirkung des Wortes nicht abwarten können. Wie zapplige Kinder. So macht Jesus es nicht. Er gibt dem Wort den Raum, der ihm zusteht.

Und das Wort wirkt!

Sie werden in ihren eigenen Gewissen überführt. Sie schämen sich. Das war eine äußerst starke Reaktion. Jesus hatte diese harten Herzen tatsächlich erreicht und es kam vorübergehend zu so etwas wie Buße. Sie hielt leider nicht lange an und sie gerieten bald wieder in den alten Trott. Denn ihre Versuche, Jesus zu töten, hörten nicht auf.

Die Folgen des mächtigen Richterwortes des Herrn beschreibt Johannes dann sehr ausführlich:

  • vom Gewissen überführt (wie schon gesagt)

  • einer nach dem anderen ging weg

  • in der Reihenfolge vom Ältesten bis zum Geringsten

  • die Frau bleibt zurück

  • Jesus zeigt ihr, wie es für sie weitergeht:

"Jesus sprach zu ihr: So verurteile ich dich auch nicht. Geh hin und sündige nicht mehr!" (Jo 8,11)

Diese ganze Geschichte ist ein eindrückliches Zeugnis der göttlichen Souveränität des Herrn! Er offenbarte sich auch in der Dilemma-Situation von Johannes 8 als Sohn Gottes. Er ist Herr jeder Lage!

"Noch viele andere Zeichen tat Jesus nun vor seinen Jüngern, die in diesem Buch nicht geschrieben sind. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen." (Joh. 20,30)

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