Predigtkritik / Gottesdienst am 04.05.2025

Predigt über den guten Hirten, Johannes 10.

Zuerst das Schöne und Erfreuliche: Der Herr Jesus wurde uns als guter Hirte vor Augen gestellt! Sehr schön! Schön waren auch die Beispiele, wie ein Mensch dem anderen ein guter Hirte sein kann. Etwa "die Kollegin, die das Büro betritt und merkt, dass Wolken der Traurigkeit über einem hängen und die die Gabe hat, die richtigen Worte zu finden". (Zitat aus dem Gedächtnis) Oder Nachbarn, die sich umeinander kümmern, usw. usw. Alles sehr schön.

Da freut sich der Herr, wenn einer des anderen Hirte ist. "Einer trage des anderen Last, und so erfüllt ihr das Gesetz des Christus!" (Galater 6,2)

Gut war auch die Bemerkung des Verkündigers, dass so mancher von uns nicht damit einverstanden sein mag, als ein Schaf bezeichnet zu werden. Hier kam mir sogleich die Frage in den Sinn: Warum ist das so? Warum rührt sich da in uns ein leiser Widerstand? Hier hätte der Verkündiger wunderschön auf die in jedem von uns tief verankerte Verdorbenheit unseres Verhältnisses zu Gott hinweisen können, die eher zur Rebellion, als zu einer demütigen Geisteshaltung gegenüber Gott neigt. Warum wäre dieser Hinweis gut gewesen? Weil auf diesem dunklen Hintergrund das Evangelium umso heller leuchtet!

Wenn doch nur unsere geistlichen Augen nicht so blind wären und wir erkennen könnten, wie schrecklich wir in Gottes heiligen Augen verdorben sind. Wie sehr würde uns das motivieren, ins Licht des Evangeliums zu fliehen!!

Leider blieb die Predigt an dieser Stelle im Dunkeln. Aber immerhin hat der Verkündiger diesen dunklen Punkt in unserem Leben angedeutet. Darum zähle ich das zum guten Teil der Predigt.

Der schlechte Teil war, dass die Predigt nicht über die menschliche, diesseitige, horizontal-irdisch Ebene hinauskam.

So finden wir zum Beispiel im Predigttext, dass der gute Hirte sein Leben für die Schafe lässt (Joh.10,11). Da muss man doch etwas zu sagen! Normalerweise muss ein Hirte sein Leben nicht für die Schafe lassen, sondern nur seine Arbeitszeit.

Hier hätte der Verkündiger einen Hinweis auf das Erlösungswerk am Kreuz geben können. Dieser schwere Gang stand dem guten Hirten Jesus Christus sein ganzes Leben lang vor Augen. Er wusste, was auf ihn zukommen würde. Hierbei in der Predigt kurz zu verharren, hätte unserer Liebe zu Ihm sicher gut getan.

Aber das soll nur ein kleiner Vorschlag sein, wie man in die Tiefe hätte gehen können.

Deutlich erkennbar wurde die Diesseitsbezogenheit der Predigt an der Bibelstelle, wo vom "Wolf" die Rede war: "Der Mietling aber, der kein Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf raubt und zerstreut die Schafe." (Joh. 10,12). 

Der Wolf sei die Angst, hieß es. Und über die Angst wurde dann ausführlich gesprochen, und am Ende gesagt, wie gut es sei, dass wir wissen dürfen, dass der Hirte immer bei uns ist. Ja, das ist auch wirklich gut, dass der Herr in der Angst bei uns ist! Absolute Zustimmung! Aber von Angst ist im Bibeltext nicht die Rede. Dort steht, dass der Wolf die Schafe „raubt und zerstreut“ (V.12). Solch eine Handlungsweise setzt Absicht und zielgerichtetes Handeln voraus. Angst ist keine Person, die mit Absicht und Zielgerichtetheit vorgeht. Der Satan wohl. Und genau den meint der Herr hier. Aber der Satan gehört zu den Themen, die im liberal-theologischen Kontext ausgeblendet werden. Den Wolf nur auf unsere Angst zu reduzieren, gibt der Bibeltext nicht her und verflacht ihn auf eine menschlich-psychologische Ebene. Das ist zu wenig!

Ein weiteres Versäumnis, geistliche Tiefe in die Predigt zu bringen war, dass der Verkündiger nicht auf das wunderbare Geheimnis einging, dass die Schafe die Stimme des Hirten hören:

"Und wenn er seine Schafe herausgelassen hat, geht er vor ihnen her; und die Schafe folgen ihm nach, denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber folgen sie nicht nach, sondern fliehen vor ihm; denn sie kennen die Stimme der Fremden nicht." (Joh. 10,4-5).

An dieser Stelle las der Verkündiger lediglich ein Gebet von Lothar Zenetti vor, in dem der Beter darum bittet, die Stimme des Herrn aus all dem Geschwätz, dass ihn umgibt, heraushören zu können. Nun ist es natürlich eine gute Idee, darum zu bitten. Aber in einer Predigt würde ich auch Hilfen und Hinweise erwarten, wie man konkret die Stimme des Herrn hören kann. Man hätte z.B. auf den Heiligen Geist im Herzen aufmerksam machen können, der "redet und verkündigt und uns in alle Wahrheit leitet" (Joh. 16,13), oder auf die vielen anderen Bibelstellen, die uns beim Hören auf die Stimme des Hirten helfen können, wie Apg. 13,2; Jes.30,21; Römer 8,14; Galater 5,16-18. Es gäbe dazu sehr, sehr viel zu sagen.

Zum Schluß noch ein Zitat von Hans Peter Royer und ein Link zu einer Predigt zu dem Thema: "Wie kann man die Stimme Gottes hören?"

Wenn wir Gottes Stimme hören möchten, müssen wir Ihm unser ganzes Leben ausliefern. Denn wenn es Bereiche gibt, in denen wir Seine Stimme lieber nicht hören würden, können wir nicht erwarten, dass wir sie dort hören, wo wir es wünschen.

(Auszug aus der Predigt: "Wie kann man die Stimme Gottes hören"; Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=kVEsgIwD2nw)

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