Der Gottesdienst ist zuende. Schön war's. Schöne Lieder. Ein nettes Anspiel mit kleinen "Osterhasen" aus der Kindergruppe. Der Chor, der an hohen Festtagen schonmal auftritt. Die Predigt. Naja, ganz nett. Aber irgendwie haben Sie das undefinierbare Gefühl, dass bei der Predigt was gefehlt hat. Sie empfinden...und es fällt Ihnen schwer, das in Worte zu kleiden... irgendwie keine Sättigung der Seele? Kein inneres Erfülltsein? Eine gewisse Leere da, wo Stärke und Glaubensfreude sein sollte? Sie können dieses Gefühl nur schwer fassen und beschreiben.
Sie gehen ins Kirchenkaffee, ein gemütlicher Raum im modernen Anbau, der neben dem alten Kirchengebäude errichtet wurde. Ein Dutzend Gottesdienstbesucher sitzen bereits an einfachen Tischen und unterhalten sich gut gelaunt. Sie sehen Faßbender hinten allein an einem Tisch sitzen.
"Was dagegen, wenn ich mich zu ihnen setze?" Sie warten die Antwort nicht ab und ziehen den Stuhl zurück.
"Kann man hier nicht mal eine Minute seine Ruhe haben?", grantelt Faßbender, grinst aber und greift zur Kaffeekanne. Sie kennen ihn. Der macht gerne mal so Sprüche. Keine Gefahr.
"Darf ich Ihnen einen Kaffee eingießen?", fragt er nun, immer noch grinsend.
"Gerne", lächeln Sie zurück. Aber eigentlich ist Ihnen nach seinem Spruch von der Hölle nicht nach Grinsen und Smalltalk zumute. Während Faßbender Ihre Tasse füllt, kommen Sie sofort zur Sache:
"Herr Faßbender, wie kommen sie darauf, dass Pastor Schmitz in die Hölle kommt? Das ist schon starker Tobak, sowas zu sagen, finden sie nicht?" Sie merken, wie sich Ärger in Ihnen aufbaut, und fahren fort: "Der Verbrecher, der neulich hier im Nachbarort einen kleinen Jungen ermordet hat, und der übrigens immer noch frei herumläuft, DER kommt in die Hölle. Aber doch nicht unser Pfarrer!"
Faßbender winkt ab, schüttelt den Kopf und fragt: "Was ist schlimmer? Einen Menschen zu ermorden oder hundert?"
Mit dieser komischen Frage haben Sie nicht gerechnet. Sie sind kurz verwirrt. "Vermutlich hundert..." wollen Sie antworten, aber Faßbender redet weiter, ohne Ihre Antwort abzuwarten: "Betrachten Sie das mit der Hölle und mit dem Kindermord mal aus Gottes Sicht. Das ist übrigens etwas, was wir lernen müssen, die Dinge aus Gottes Sicht zu sehen! Also... bedenken Sie bei Ihrer Antwort Folgendes: der ermordete Junge war ein strafunmündiges Kind. So überaus schrecklich dieses Verbrechen war, aus der Sicht Gottes ist der Junge jetzt im Himmel. Verstehen Sie mich nicht falsch. Das entschuldigt natürlich das Verbrechen absolut nicht. Aber aus Gottes Sicht ist das Kind am Ziel. Es geht ihm besser, als je zuvor in seinem Leben. Gott schickt kein strafunmündiges Kind in die Hölle. Die Erbsünde für solche hat Jesus bezahlt. Wenn sie mit mir über die Hölle reden wollen, müssen wir alles ganz besonders aus der Sicht Gottes betrachten."
Während Faßbender eine kurze Pause macht und an seinem Kaffee nippt, fragen Sie sich, worauf er hinaus will.
"Also, das ermordete Kind ist im Himmel", fährt er fort, "aber in der Kirche, da sitzen viele Leute, die viele Sünden mit sich herumschleppen. Sie sind alt genug, um strafmündig zu sein. Darum müssen Sie einmal vor Gott Rechenschaft ablegen. Das müssten sie nicht, wenn sie vor ihrem Tod ihre Sünden ans Kreuz gebracht hätten. Dann sind sie durch das Blut Jesu gerechtfertigt. Trotzdem bleibt es keinem Menschen erspart, den Herrn Jesus wegen der eigenen Sünden um Vergebung zu bitten. Tut man das nicht, hat man keine Vergebung und muss für alle Ewigkeit in die Hölle. Und wissen Sie was?"
Jetzt schaut Faßbender Ihnen direkt in die Augen.
"Pfarrer Schmitz sorgt dafür, dass die Leute ihre Sünden nicht loswerden! Denn er verschweigt in seinen Predigten die Macht der Sünde und sagt ihnen nicht, dass sie Buße tun müssen."
Er macht eine kurze Pause. "Sie sind ja alt genug und wissen noch, was Buße heißt, oder?"
Sie ignorieren diesen kleinen uncharmanten Hinweis auf Ihr Alter.
"Damit betrügt er die Leute, weil die nun im Irrglauben leben, sie kämen in den Himmel, nur weil sie einen Babytaufschein vorweisen können. Ohne Buße kommt aber niemand in den Himmel. Was wiegt also am Ende schwerer? Verstehen Sie? Was wiegt schwerer aus der Sicht Gottes? Einen Menschen zu ermorden, oder dafür verantwortlich zu sein, dass viele Menschen für alle Ewigkeit in die Hölle müssen?"
Faßbender ist fertig und nimmt einen kräftigen Schluck aus der Kaffeetasse.
Sie müssen das erstmal verdauen. Schweigend schauen Sie auf ihre Tasse. So haben Sie das noch nie betrachtet. Da kommt Protest in Ihnen hoch.
"Wenn Pfarrer Schmitz eben im Gottesdienst voller Überzeugung gesagt hat, dass Christus auferstanden ist, dann glaubt er doch an die Auferstehung! Wie kann er dann die Leute betrügen? Also irgendwas passt hier ja wohl nicht zusammen."
Das kam ein bisschen entrüstet rüber. Faßbender lehnt sich in seinen Stuhl zurück und verzieht leicht das Gesicht. Sie spüren auch bei ihm leichten Unwillen und sind gespannt, was ihm dazu nun einfällt...
(wenn sie auch wissen wollen, was ihm dazu einfällt, klicken Sie HIER)